zondag 4 maart 2012

Peter Handke -- 5 maart 1976


5. März

Beim Aufwachen lagen die Haare auf meinem Kopf wie eine fremde Hand

Der Freund erzählte, er habe seine Kinder nicht geschlagen, sondern sei ihnen auf die Füße getreten

Todesangst sei für ihn: daß die Beine kürzer werden

Der schöne Lebensinhalt von gestern vegetiert jetzt nur noch in mir als Lebensform

Der Porzellanteller, der den Winter über im Freien war: wie kalt er ist!

Auf der Straße gehen, wo es ein paar Schritte lang still wird, als seien das jetzt die letzten Momente

Eine Frau kommt von weitem entgegen; bevor man ihr Gesicht wahrnimmt, gleißen schon ihre Ohrringe auf

Das Kind sagte: “Ich mache gern etwas, von dem man nicht weiß, was es ist” (als man ihm vorhielt, daß man nicht erkennen könne, was seine Zeichnung darstellt)

Diese Schönheit der Welt heute ist nicht auszuhalten allein, auch nicht zu zweit; vielleicht zu dritt

Älter werden, ohne daß die Zeit vergeht

Der Nordafrikaner kriegte in der Bäckerei nicht wie die andern Kunden das Papier, das er zum Tragen um das Brot legen könnte

Bei der Nachricht vom Tod des Freundes: die Vorstellung der Welt als ein Zimmer, aus dem er verschwunden ist

Nach seiner Beerdigung: drinnen, wie ion iener Garage, liegt der Leichnam mit noch vom Sterben zerrauften Haaren, und draußen, im Rinnstein, wirbelt seine Zigarettenasche

Schön: eine Frau, die einen an nichts erinnert (kein Schwanenhals usw.)

Ein Buch, das ich auch dann gern zu lesen das Gefühl habe, wenn ich nur geistesabwesend hineinschaue

Zwei redeten über ein Foto und rissen es einander immer wieder aus den Händen, um es für sich anzuschauen

“Indem du sagst, daß ich traurig aussehe, willst du mich nur entwaffnen”

Sie schaute ihn an, wie er sich auszog, und redete über seinen Körper




* Das Gewicht der Welt (1977)
* Peter Handke (1942)

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