woensdag 13 november 2013

Kollektives Tagebuch -- 14 november 1989

[Na de dood van schrijver Walter Kempowski werd een manuscript voor het boek Whispering. Ein kollektives Tagebuch von 1989 gevonden, waarin dagboekfragmenten van verschillende min of meer bekende Duitsers een beeld moesten gaan schetsen van de bewogen dagen na de val van de Berlijnse muur (9 november 1989). Hieronder een aantal dagboekfragmenten voor 14 november.]

Christoph Hein, Ostberlin

Morgens ein Treffen im zeitweiligen Untersuchungsausschuss, der die Ausschreitungen und Gesetzesverstöße der staatlichen Sicherheitskräfte (vor allem Polizei und Staatssicherheit) in Berlin an den Tagen um den 7. Oktober zu untersuchen hat. Die Geschäftsordnung ist zu überarbeiten. Wir müssen beständig die Gesetzgebung anderer Länder zu Rate ziehen, denn einen unabhängigen Untersuchungsausschuß kannte unser Land bisher nicht.

Am Brandenburger Tor stehen seit ein paar Tagen mehrere Fernsehteams aus verschiedenen Ländern. Das Gerücht, die Mauer werde in wenigen Stunden auch an diesem berühmten Tor geöffnet, wird zwar beständig dementiert, aber die Teams bleiben vor Ort, Tag und Nacht. Da man nicht beständig nur das Tor und die unveränderte Mauer zeigen kann, sucht man sich Gesprächspartner. Meine Familie übernimmt den Telefondienst, meldet also "Nein, er ist nicht da."

Gertrud Fussenegger

Das Wochenende brachte einen historischen wie persönlichen Einschnitt: die Wiederannäherung der beiden Deutschländer und meine Entscheidung zur Trennung von R. Die Maueröffnung überraschte mich nicht, ich habe seit langem damit gerechnet; demgegenüber unterliegt das Ende einer Liebe, der Verlust eines Menschen keinem Kalkül. So viel Euphorie und zugleich so große Bitterkeit. "Vieles, was uns im Innersten bewegte, geht unter bei diesem Übergang", schrieb Ernst Jünger 1945. Im Traum begegnete ich mir selbst als dreijährigem Kind; interessant auch eine Szene, in der eine Person Piranhas, sehr kleine Exemplare, in einen Teich warf, anschließend sich selbst hineinstürzte und zerfleischt wurde.

Jürgen Becker, Florenz

Der unvermittelte Wechsel vom Leipziger Grau ins helle florentinische Licht; Wahrnehmungsbrüche, Zeitrisse, die Widersprüche der Gleichzeitigkeit; im eleganten Lucchesi-Hotelzimmer das italienische TV mit seinen DDR-Reportagen ... Dr. G. kommt verspätet zur EBU-Vollversammlung, entschuldigt sich und berichtet, daß er noch den Rücktritt des DDR-Rundfunkkomitees durchgesetzt hat, bekommt Beifall von den europäischen Radiokollegen ... Sitzen später zusammen in Trattoria, wegen der Umstände hat G. nicht nach Leipzig kommen können, möchte mehr von ihm wissen, da offenbart er, daß er vor Monaten in einem Leipziger Gremium gesessen hat, wo man die Leseliste der auftretenden Schriftsteller durchgegangen ist. Dabei dann Diskussion über Beckers Vorhaben, aus seinem Buch "Das Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft" zu lesen ... "Das soll wohl eine Provokation sein." Jetzt stoßen wir die Gläser an, Hermann N. sitzt dabei, kennen uns ja seit jahrelangen Begegnungen immer nur im Ausland, wo G. als sympathisch liberaler Funktionär aufgetreten ist, diplomatisch reserviert, ironisch gebrochen, wirkt jetzt fast befreit, der Mann mit der Kriegskindheit in Gotha, parallel zu meiner Zeit in Erfurt ... Kommt mir jetzt vor wie ein Augenblick deutsch-deutscher Versöhnung.

Jürgen Lodemann

an eine Studentin, die über den "Siegfried"-Roman arbeitete

Die Ignoranz gegenüber Leib und Erde (also der Natur in uns wie um uns) hat nun jene immer deutlicheren Folgen. Mir war's darum zu tun, herauszufinden, wo in dieser Entwicklung die Anfänge waren, wer uns auf die einseitige Schiene setzte, die dafür sorgte, daß wir mit so viel ausplündernder Verachtung auf das herabblicken, was seit irgendeinem historischen Punkt als das Minderwertige galt, als das "bloß Materielle" (Materie - das Wort kommt von "mater" = Mutter!). Ich denke, dahinter steht eine abendländische Tradition, die nicht bloß mit der christkatholischen Rom-Kirche benannt ist. Auch die basiert wiederum auf älteren griechisch/jüdisch/persischen Haltungen.

Gertrud Fussenegger

Zu tief
Ich sehe diese Bilder,
allabendlich in meine
Stube hereingespielt,
die Tänzer auf der Mauer
zum Beispiel - .
Nicht immer fällt mir die Vokabel
VOLK
dabei ein.
Statt dessen:
HORDE.
Dann duck ich mich
etwas verwirrt
über den Topf meiner Erfahrungen
und wünschte, er wäre
nicht so tief.

Walter Kempowski, Nartum/Amsterdam

Bremen, Flughafen: Leider muß ich heute nach Amsterdam. Es ließ sich nicht vermeiden. Die "Hondsdage" sollen vorgestellt werden. Dort soll ich mit Raddatz über den "Literarischen Betrieb in der Bundesrepublik" diskutieren.

Gestern in Oldenburg war ich mies, war wohl überanstrengt. Es ging nichts aus von mir, sie unterhielten sich ungeniert, während ich sprach. - Danach, bei den "Schreiben-lernen-Wollenden", stellte ich die Schreibaufgabe: "Trabis kommen". Und da kam die Überraschung: Diese Leute hatten gar keine Eindrücke vom Jahrhundertereignis, sie interessierten sich offensichtlich gar nicht dafür. "Trabis"? Was ich damit meinte, wollten sie wissen. So was kann ich überhaupt nicht verstehen. Hier handelt es sich wohl um eine Generationsfrage. 40 Jahre, das war eben doch zu lang! - Und im Radio reden sie vom "Wiedervereinigungsgequassel". Aber profilierte Leute - wie Brandt, Dohnanyi, Augstein - sind dafür. Genscher wird's schon machen. Gordon A. Craig im "Spiegel": Viele Menschen sind der Überzeugung, daß die Deutschen von Zeit zu Zeit durchdrehen und daß dies auf dunkle Abgründe in ihrer Seele zurückzuführen ist, auf ihre ständige Neigung, sich zu fragen, wer und was sie sind und wozu sie leben. Dazu kommt das Gefühl, daß niemand sie mag. Und daher die Tendenz, aus kleinen Siegen große Triumphe zu machen, kurzum: zu übertreiben.

12 Uhr: Das Flugzeug kann in Amsterdam nicht landen wegen "Mist", Nebel also. Wir werden mit einem Bus von Eindhoven dorthin gefahren. Das soll zwei Stunden dauern. Ich habe mir schnell noch was zu essen geholt, da ich wieder einen Zuckerschock befürchte. - Gut gelaunt. Das Wetter ist wundervoll, der Sitzplatz neben mir ist frei, ich kann es mir bequem machen und in Ruhe meinen Folienkartoffelsalat essen. Ein Herr, dem ich riet, er solle sich auch schnell noch was zu essen holen, sieht mich dankbar an. Die Neigung der Menschen bei solchen Klein-Katastrophen, miteinander zu reden. - Diese Art Gegend kenne ich noch nicht. Wie es scheint, haben die Holländer ihre Landschaft zu 100 Prozent unter Kontrolle. - Hoffentlich schaltet der Kerl da vorn das Radio nicht ein. Viel Verkehr, allerhand Straßenbahn. - Ein Deutscher auf dem Flughafen fragte, wie viele "Meilen" es nach Amsterdam seien! Die Frau am Schalter wußte es übrigens nicht. Bei allen Neuerungen, die nun holterdipolter in der DDR eingeführt werden: Die Reisen von W nach O sind noch nicht möglich. Ich hoffe sehr, daß ich bald fahren kann. Dort einen Bekanntenkreis aufbauen. Als erstes eine große Rundreise, vielleicht Lesungen? Aber was? Meine Bücher sind ein Nonsens für sie. Am ehesten kommt noch "Herzlich willkommen" in Frage oder "Ein Kapitel für sich". Aber ich bin nicht einer der Ihren. Was werden sie zu T/W sagen? - Der Ausmarsch ins Feld in "Aus großer Zeit" ist eine der wenigen zeitlosen Passagen. Die würde sich eignen, auch wegen des Ernstes. Aber von solchen "ernsten" Kriegssachen haben sie die Nase voll, damit sind sie bestimmt von ihrem Friedensstaat täglich gefüttert worden.

Heute früh auf der Autobahn, Richtung Bremen, auch einige Trabis. Ihr langsames Fahren wirkt beharrlich, ja zombihaft. Rommels Panzerarmee. Renate ist jede Nacht bis 3 Uhr auf der Straße gewesen, sagt sie am Telefon.

Engholm ist auch für eine Wiedervereinigung, sagt er. / Bei freien Wahlen wird die SED wohl 28 bis 32 Prozent bekommen, wird gesagt. / "Ich jloobe an meenen Staat!" / Man spricht davon, daß die Bonzen Milliarden in die Schweiz ... / Eine Frau aus dem Dorf: Sie hätte all die Tage geweint. Sie wär' allein im Haus gewesen, da wär' das gegangen. / Selbst der "Spiegel"-Reporter habe die Tränen nicht zurückhalten können.

Die neuen Parteien drüben wollen "auf jeden Fall den Sozialismus beibehalten". - Das, was man hier die linke Intelligenz nennt, ist in jeder Hinsicht sprachlos. Erst geht ihr schönes Sozialismus-Bild flöten und dann auch noch der Retortenstaat. - Nun, sie werden schon wieder was Apartes finden. Unsereiner steht nicht hoch im Kurs.

"Die deutsch-deutsche Grenze, sie existiert nicht mehr." Neue Sprachmode der Journalisten.

Unsere kaputten Tannen: Verbrennen geht nicht, wegen Verpestung der Luft. Schreddern geht nicht, weil dann die Schädlinge im ganzen Garten verbreitet werden. In Bremen beseitigen lassen: Transport muß bezahlt werden und Beseitigung auch. Also? Ich habe schon gesagt: Verschreddern, und dann nach und nach im Kamin verbrennen. Aber so hatten wir uns das ja eigentlich nicht gedacht.


Walter Kempowski (1929-2007) was een Duitse schrijver. Na zijn dood werd een manuscript voor het boek Whispering. Ein kollektives Tagebuch von 1989 gevonden, waarin dagboekfragmenten van verschillende min of meer bekende Duitsers een beeld moesten gaan schetsen van de bewogen dagen na de val van de Berlijnse muur (9 november 1989).

Geen opmerkingen:

Een reactie plaatsen