maandag 9 juli 2012

Gottfried Keller -- 10 juli 1843

Den 10. Juli
Trostloser Regentag! Nach wenigen blühenden Lenztagen ging der Mai in einen nassen, regnerischen Sommer über, welcher bis jetzt in ewigem Weinen trauerte, einige Sonnentage ausgenommen. Wenn es so fortfährt, so dürfte es einen traurigen Herbst und Winter geben, da man eine Teurung befürchtet. Verdrießliche, hoffnungsarmeStimmung. Dazukommt noch das geheime, unheildrohende Gären und Motten des Kommunismus und die kecken, öffentlichen Äußerungen desselben. Das Nachdenken über diese wichtig werdende Zeitfrage macht mich konfus. So viel scheint mir gewiß, daß mehr Elend, als je, auf Erden ist, daß der Kommunismus viele Anhänger gewinnt und schon hat, und daß es nur einer Hungersnot bedürfte, um demselben mit aller Macht auf die Beine zu helfen. – Ein Prediger desselben, der Schneidergeselle Weitling, welcher ein Buch »Garantieen der Harmonie und Freiheit«, mit Geist und Feuer, darüber geschrieben hat, ist hier arretiert worden. Die Arrestation hat bei der liberalen Partei Unwillen erregt, da sie gewalttätig aristokratisch ausgeführt und die freie Presse durch eine mitternächtliche Untersuchung zugleich beleidigt wurde. Indessen könnte ich dem Kommunismus des Weitling und seiner Freunde keine gute Seite abgewinnen, da er einerseits in Hirngespinsten besteht, welche unmöglich auszuführen wären, ohne das Elend größer zu machen, weil sie die ganze gegenwärtige Ordnung der Dinge nicht nur außen, sondern bis in unser Innerstes hinein, umstürzen würden; anderseits mir aber nur die Folge einer immer mehr um sich greifenden Genuß- und Bequemlichkeitssucht zu sein scheint; hauptsächlich aber scheint es mir ein kurzsichtiger und gieriger Neid dieser guten Leute gegen die Reichen dieser Welt zu sein. Sie wollen nicht, wie Weitling deutlich sagt, bloß zu essen, sie wollen es vollauf, üppig und gut haben; sie wollen auch einmal an die Reihe. O ihr Toren! –
Wenn ihr ganz gleichmäßige Erziehung vom Staate aus, Sorge für allgemeinen Verdienst vom Staate aus, allgemeine Versorgung der Verdienstunfähigen und Hülflosen vom Staate aus verlangt: dann bin ich mit Leib und Seel' bei euch! – So aber, mit euren wirklich fanatischen, weltstürmenden Gedanken bleibt mir vom Halse, schert euch ins Tollhaus, wenn ihr's aufrichtig, und zum Teufel, wenn ihr es nur für euren werten Bauch gemeint habt!

Gottfried Keller (1819-1890) was een Zwitserse schrijver en politicus. Das Tagebuch und das Traumbuch.

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