donderdag 12 maart 2015

Hermann Hesse -- 13 maart 1955

Hermann Hesse (1877-1962) was een Zwitserse schrijver. In zijn gepubliceerde verspreide geschriften zijn ook wat dagboekbladen opgenomen.

13. März
Heut ist Sonntag, vor den Fenstern kämpft die Sonne mit steigenden und wirbelnden Nebelschwaden, ich habe gut geschlafen und bin doch todmüde und schwindlig, mußte zum Frühstück Herztropfen nehmen. Dann fiel mir ein: im Rundfunk wurde heut morgen ein Kapitel aus dem «Klingsor» gesendet, von einem guten Schauspieler gesprochen. Mir war es recht, es enthob mich für eine halbe Stunde aller Entschlüsse und Beschäftigungen. Ninon kam, und ich legte mich in der Bibliothek aufs Sofa. Der Sprecher konnte viel, er machte es gut. Er las den «Kareno-Tag» aus dem «Klingsor», ich paßte anfangs nicht besonders auf, aber es zog mich dann doch völlig in die Erzählung hinein, die ich nur sehr fragmentarisch im Gedachtnis hatte. Und da kam denn beides herauf aus den Abgründen der Vergangenheit und des Vergessens: die Klingsor-dichtung samt der Zeit ihrer Entstehung, dem brennenden Sommer 1919, dem ersten nach dem Krieg, dem ersten meines Tessiner Lebens. Mit Staunen hörte ich zu und nahm die sich drängenden, glühenden, flackernden Bilder in mich auf, es war eine schöne und spannende Dichtung, atemlos scheinbar und doch durchaus wohlproportioniert und in sich ruhig, und ich sah mich wahrend der ganzen Vorlesung doppelt, sah mich als den, der den Klingsor-Sommer und Kareno-Tag erlebt, und sah mich als den andern, der ihn, beinah gleichzeitig, geschrieben hatte. Das waren zwei wunderbar lebendige, sprühende, funkelnde Burschen, der Erlebende und der Dichtende, es schien ihnen nichts zu kühn, nichts zu schwierig, nichts zu ausgefallen und närrisch, sie wurden mit allem fertig. Aus einer ungeheuren Ferne, aber überdeutlich in allen Zügen, sah ich den Zaubertag sich abspielen, bewunderte den Maler, wie er wandern, lieben, beobachten, genießen, trinken, plaudern konnte, ein Hundertstel davon würde mich umbringen, und wie ihm die Einfälle zuströmten, immer gleich ein paar aufs Mal, und wie er mit innen fertig wurde und sie zu formulieren und hinzustreuen wußte, scheinbar verantwortungslos, aber durchaus bewußt und beherrscht, ebenso glühend wie kühl, ebenso naiv wie artistisch. Mit geschlossenen Augen, immer ein wenig vom Schwindel belauert, hörte ich dem Vorleser zu, der mir mich selbst auf der Höhe des Lebens vorführte und dazu die Gestalten jener sommerlich berauschten Freundesrunde, von denen beinah alle längst in Grabern ruhen und vergessen sind, und die andern haben sich verloren und haben jenen Tag und jenen Sommer und all das vergessen, was mir beim Zuhören heute das Herz so schmerzlich schön bewegt. Wunderbarer Zauber, glühend trauriger Zauber der Verganglichkeit! Und noch wunderbarer das Nicht-vergangensein, Nichterloschensein des Gewesenen, sein geheimes Fortleben, seine geheime Ewigkeit, seine Erweckbarkeit in der Erinnerung, sein Lebendigbegrabensein im stets wieder zu beschwörenden Wort! Und wer ist es, der auf dem Sofa liegt, leicht vom Schwindel gewiegt und entzückt vom Erzahler und seiner Geschichte, ein erloschener Alter, viel weniger wirklich als sein aus der Zeitentiefe zurückbeschworenes Selbstbildnis? ...

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