vrijdag 3 april 2015

Harry Graf Kessler -- 3 april 1923

Harry Graf Kessler (1868-1937) was een Duitse kunstverzamelaar, museumdirecteur, schrijver, publicist, politicus, diplomaat en pacifist. Hij hield 57 jaar lang een dagboek bij.

Haag. 3. April 1923. Dienstag
Vormittags von zehn bis halb zwei bei Lucius, der mir zuerst eine Stunde lang flaches Zeug von Kunst erzählte (er sei ein Epikureer, könne »nichts Häßliches« sehen, wobei seine Räume ein Beispiel sind, wie aus einem Gemisch von Gutem in geringer Quantität und Halbgutem und Kitsch in sehr großer etwas trivial Trostloses entsteht), bis wir endlich auf die Politik kamen.

Lucius sagte noch unendlich viel mehr (insbesondere über seine Eignung zum Botschafter in Paris, seine Abneigung, diesen Posten anzunehmen usw.), aber er spricht so schnell, wirft so vieles durcheinander, kommt so oft vom Hundertsten ins Tausendste, daß man seinen Gedankengängen (die übrigens nie sehr tief oder neu sind) nur schwer folgen kann. Er sieht sich selbst in tausend Spiegeln, mit Tausenden von Facetten und Glanzlichtern, die ihm immer zwischen seine sachlichen Ausführungen geraten und sie stören und verschieben. »Le petit Lucius« in Paris, die Weiber, seine Klubfreunde, Rodin, Anders Zorn, die Lavallière, Stumm, Halberg, Bismarck, führen in ihren Beziehungen zu seiner Person und seiner nächsten Familie einen wilden Reigen auf, der wie mit Pechfackeln, leuchtend und verwirrend, durch die Tagesfragen hindurchrast.

Lucius ist in der Qualität seines »Glanzes« (er braucht selbst den Ausdruck) und seines Kunstsinnes etwas wie eine Taschenausgabe von Wilhelm II., den er übrigens nicht liebt. Unter anderem zitierte er von ihm die vornehme Äußerung über Rathenau, die er ihm gegenüber bei seinem letzten Besuch in Doorn (Lucius sagt, er geht nicht wieder hin) fallen ließ: »Ist ihm ganz recht geschehen!« (daß er ermordet wurde). Auch über Ballin: »Er habe nie gewußt, daß er Jude sei!«

Er zeigte mir mit Wonne Äußerungen über dieses edle Blut, die er in Waldersees Memoiren gestrichen hat. Trotzdem gehört er ganz und gar zu seiner Epoche. Die Mischung von Genußsucht, falscher Kultur, politischer Betriebsamkeit und Selbstsicherheit und, last not least, schlechten Manieren ist ganz wilhelminisch. Er erzählt sogar (echt wilhelminisch), wie er Rodin korrigiert habe, mit Erfolg. Worauf ihm Rodin gesagt habe: »Je ne savais pas, cher ami, que vous étiez sculpteur.«

Die tiefste Qualität des Wilhelminischen (die Wurzel der Katastrophe), den Mangel an Augenmaß und Bescheidenheit (Selbsterkenntnis), keine Religion, kein Gefühl für die eigene Stellung im All. Daß die Welt diesen Typus ausgebrochen hat, ist nur die Folge davon, daß dieser Typus radikal unfähig war, sich in die Welt einzupassen. In einem symbolischen, tiefen Sinn war Wilhelm II. wirklich der Antichrist, allerdings ein persönlich sehr unbedeutender, flacher, verächtlicher. Aber vielleicht gehört Tiefe und insbesondere tiefe Bosheit gerade nicht zur Figur des Antichrist, sondern eben diese flache, arglose Schalheit, vielleicht könnte ein wirklich böser, machtstrebender Mensch wie Cäsar Borgia oder Napoleon nie polarer Gegensatz zum absolut religiösen Menschen werden. Ihn ordnet die Schwerkraft seiner Bosheit in die Welt ein, so daß er nie ganz zu ihr in Gegensatz treten kann.

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